Lernen mit Chatbots in der Schule

Zur LEARNTEC in Karlsruhe beschäftigt sich Chatbotcoaching.de mit dem Thema Chatbots für Inhaltsanbieter. Dabei wird der Frage nachgegangen: Sollten Anbieter, die über Inhalte verfügen, Chatbots und Assistenten als mögliches Medium in den Blick nehmen.

Wir diskutieren die Frage mit Martin Koch, der für Chatbotcoaching einige Beiträge zum Thema verfasst, lange Jahre für Inhaltsanbieter gearbeitet hat und als Lehrer, Trainer und Chatbotcoach Lernen und Chatbots verbindet.

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In den Beiträgen zum Lernen wird immer wieder auf die besondere Situation von Inhaltsanbietern verwiesen. Was ist damit gemeint?

Martin Koch

Wir versuchen, das Thema Lernen aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten: Der schulische Bereich sieht anders aus als der des Corporate Learning. Und weil die Inhaltsanbieter wiederum einen ganz anderen Zugang haben, sollte der separat betrachtet werden.

Inhaltsanbieter können auf hochwertiges Material zurückgreifen

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Was ist denn das Besondere daran?

Martin Koch

Normalerweise geht ein Chatbot immer mit Überlegungen zum Inhalt und zur Nutzung einher. Inhaltsanbieter haben aber schon eine Menge Inhalte. Aus deren Perspektive geht es weniger um die Frage, was ein Chatbot leisten kann oder soll, sondern um den Aspekt: Was kann man mit den Inhalten machen?

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Ist das denn so ein großer Unterschied?

Martin Koch

Ja, denn wenn man sich die Inhalte eines Schulbuchs ansieht, sind die alles, nur nicht chatbotgerecht.

Frameworks unterstützen perspektivisch Chatbots für Inhaltsanbieter

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Und warum sollte beispielsweise ein Schulbuchverlag jetzt auf Chatbots setzen? Sonst ist die Verwendbarkeit doch weniger erheblich, weil man das in Buchform braucht, also gesetzt bzw. setzbar.

Martin Koch

Ja, und spätestens bei einer Smartphone-App wird dann deutlich, dass bestimmte Dinge nicht mehr passend angezeigt werden können.
In der Chatbotszene gibt es aktuell verschiedene Trends, die man zumindest im Blick haben sollte. Da sind zunächst die immer besser werdenden Chatbot-Frameworks der großen Anbieter. Gut erkennbar ist dabei, dass die Frage, wie welche Inhalte in einen Chatbot gelangen, von den Framework-Entwicklern gesehen und bearbeitet wird. Google hat beispielsweise für Dialogflow den Knowledge Connector als Beta vorgestellt. Damit soll man die Inhalte typischer FAQ-Seiten mehr oder weniger automatisch in eine Sammlung von Intents verwandeln können. Das ist ein erster Schritt zur automatisierten Inhaltserstellung.

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Hilft das denn einem Inhaltsanbieter?

Martin Koch

Aktuell sicher noch nicht, aber es zeigt einen Trend auf: Wenn Chatbots erfolgreich sein sollen, brauchen sie Inhalte. Die aber dürfen nicht mit großem Aufwand produziert werden müssen. Je smarter man Daten in einen Chatbot integrieren kann, desto besser und günstiger. Und desto wahrscheinlicher ist die Umsetzung.

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Würde das denn wirklich genügen, wenn man beispielsweise Schulbuchdaten automatisch integrieren könnte.

Martin Koch

Ich glaube nicht. Es müsste dennoch vorab einen redaktionellen Prozess geben, was aufgenommen werden soll. Das ist von Fach zu Fach unterschiedlich. Manche Fächer haben mehr Texte, Bilder, Materialien, andere haben viele Übungen usw. Außerdem ist das Durchsuchen eines Datenbestands zwar wichtig, wenn man eine FAQ-Seite ersetzen möchte. Für anspruchsvollere Aufgaben ist das aber zu wenig. Man kann an den Aktivitäten von Google aber trotzdem erkennen, wohin die Reise gehen kann. Für den breiten Einsatz müssen Chatbots sehr schnell und einfach inhaltlich füllbar sein. Aber abgesehen davon braucht es auch sinnvolle Nutzungsideen, damit der breite Einsatz auch erfolgreich wird.

Chatbots für Inhaltsanbieter können vergleichsweise leicht Nutzen anbieten

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Was muss man sich darunter vorstellen?

Martin Koch

Chatbots leben von zwei Dingen: vom einfachen Zugriff über ein Chat-Interface und vom weitergehenden Nutzen. Worin der Nutzen bestehen kann, muss vorher festgelegt werden, denn daran richtet sich alles aus. Ein Beispiel aus dem Schulkontext: Wenn Vokabeln in einen Chatbot wandern würden, wäre damit ja nicht viel gewonnen. Wenn ich da beispielsweise „sophisticated“ eingebe, bekomme ich dann die über zwanzig Bedeutungen zurück? Das kann es nicht sein.

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Was wäre die Alternative?

Martin Koch

Da ist vieles denkbar. Zunächst wäre es im Schulbereich wichtig, wenn der Chatbot wüsste, Vokabeln welchen Lernjahrs sowie welchen Buches er abrufen soll. Es hilft einem Fünftklässler nichts, auch alle exotischen Bedeutungen zu erhalten, während das in der Abi-Vorbereitung ganz anders aussieht. Es müsste also die Lernjahrsinformation vorhanden sein, welcher Filter gesetzt werden muss. Das wäre allerdings nur die halbe Miete. Die andere Hälfte könnte darin bestehen, dass der Chatbot lernpsychologisch sinnvoll Vokabeln abfragen kann und mehrfach nachgefragte ältere Vokabeln automatisch dazunimmt.

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Ok, damit gäbe es dann einen zusätzlichen Nutzen. Reicht das für große Akzeptanz?

Martin Koch

Wohl kaum, da braucht es dann noch ein bisschen mehr. Was das sein kann, bestimmt am Ende die Konzeption bzw. die Datenlage. Das könnte eine Spracheingabe sein, mit der man die Vokabeln sucht, damit man nicht alles tippen muss. Das könnte aber auch eine Hilfe sein, die bei der Ermittlung der passenden Zeitenbildung o.ä. hilft. Oder die, noch einen Schritt weiter, auch feststehende Wendungen anbietet – und die auch mal in die Vokabelabfragen aufnimmt.

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Aber das haben frühere Generationen doch auch ohne Chatbot hinbekommen.

Martin Koch

Ja, ein Chatbot macht nicht alles anders oder neu, aber es ist ein digitaler Weg, die benötigten Dinge zu lernen bzw. mit Ihnen zu arbeiten. Es geht ja auch um die Frage, ob jemand im Haushalt lebt, der bei Lernenden beispielsweise Vokabeln abfragen und Schwächen entdecken kann. Ein Chatbot wäre da mit seiner Unvoreingenommenheit sicherlich geduldiger als eine Menge Eltern. Und er kann zusätzlich auch noch Fragen zu fachlichen Themen beantworten usw.

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Also kommt es darauf an, dass der Chatbot sinnvoll unterstützt. Aber das ist doch, um bei Sprachen zu bleiben, bei jeder Sprache anders. Im Englischen braucht man kaum Formenbildung für die verschiedenen Zeiten, im Lateinischen ist die Form je nach Zeit, Modus, Genus Verbi usw. anders. Dafür braucht Latein wohl keine Sprachausgabe.

Martin Koch

Für Latein müsste der Chatbot anders konzipiert werden: Denkbar wäre über eine CMS-Anbindung das Thema Formen generell anzubieten: mit Bildung und Identifizierung. Das impliziert zwar auch das Risiko, dass Schüler*innen sich zur Identifizierung nur auf den Chatbot verlassen, aber sicherlich verändert sich beim Lernverhalten sowieso noch so einiges, wenn man das unter dem Stichwort Digitalisierung betrachtet. Wer keine Form mehr erkennt und sich auf den Chatbot verlässt, übersetzt möglicherweise zwar ebenfalls brauchbar, aber weitaus langsamer als jemand, der die Formen sofort identifizieren kann. Es wäre ein Trugschluss zu glauben, dass mit dem Wissen um die Form eines Wortes/Satzbestandteils und der Bedeutung alles getan ist.

Chatbots für Inhaltsanbieter können in vielen Fächern eingesetzt werden

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Gibt es denn Fächer, bei denen ein Chatbot von vornherein ausgeschlossen ist?

Martin Koch

Ich glaube nicht, aber ein Chatbot kann auch nicht alles bzw. die „Füllung“ ist unterschiedlich aufwendig. Außerdem ist auch das Medium zu berücksichtigen: auf einem Smartphone anhand einer Russlandkarte etwas über die Besonderheiten des Landes zu lernen, dürfte nicht so einfach sein, weil wegen der geringen Auflösung der Blick auf das Ganze nicht so leicht zu entwickeln ist.
Letztlich ist nur eigentlich wichtig, dass ein Chatbot eine völlig andere Form der Wissensbereitstellung darstellt als ein Buch, technisch aber weniger anspruchsvoll und pflegeintensiv ist als eine App. Und technisch ist damit wirklich vieles möglich.

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OK, Chatbots können also ein paar Dinge, die Bücher nicht können. War das nicht schon immer so, dass es zusätzliche Medien gab? Der Chatbot ist doch da nichts Neues.

Martin Koch

Zunächst führt der Chatbot eine Vielzahl von Medien zusammen – so ähnlich wie das Smartphone –, denn man kann ja Bilder, Sounddateien oder auch Videos damit darstellen. Eigentlich alles, was auf dem Endgerät möglich ist. Mit der Bandbreite und dem Zugriff bietet er aber noch keinen Vorteil gegenüber einer Website. Interessant sind die Aspekte zusätzlicher Nutzen, Sprachein-/-ausgabe, kuratierte Inhalte statt Google-Suchergebnissen, ständige Verfügbarkeit sowie Möglichkeiten für Training, Auswertung und Feedback. Es ist halt ein rundum digitaler Ansatz. Und bedeutend weniger aufwendig in der Pflege als eine App fürs Smartphone.

Die Auswertung ermöglicht Chatbots für Inhaltsanbieter gezielte Verbesserungen

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Und das ist per se besser?

Martin Koch

Es stecken einfach viele Möglichkeiten darin: Man könnte Sachverhalte auf verschiedene Weise darstellen, sodass unterschiedliche Zugänge vorhanden sind. Über die Analyse sieht man sofort, ob Inhalte Probleme aufwerfen – da steigt dann die Bounce-Rate. Wenn man den Lernerfolg testen möchte, können diese Daten in Relation gesetzt werden. Zusammen mit gutem Tagging erfährt man dann einiges über Stärken und Schwächen. Und bei entsprechenden Daten beispielsweise auch, ob der bevorzugte Zugang wirklich der effizienteste ist.

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Eignet sich ein Chatbot für alle und für alles?

Martin Koch

Im Prinzip ja – mit den genannten Einschränkungen. Er stellt aber eine gute Plattform für den Einstieg in digitales Lernen dar. Man kann mit einem Themen-Chatbot klein anfangen oder größer mit den Vokabeln. Ein Chatbot für Englisch-Vokabeln könnte auch in Unternehmenskontexten interessant sein, wenn der Fokus auf Branchen- und Business-Englisch gelegt wird. Wörterbücher benutzt dort im Alltag sowieso kaum noch jemand, alle gucken ins Internet. Wenn allerdings ein Inhaltsanbieter Sorge hat, mit einem Chatbot gegen bekannte Internetwörterbücher anzutreten, hilft nur echter, nutzbarer Mehrwert.

Chatbots für Inhaltsanbieter können auch für Assistenten genutzt werden

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Und dann wird irgendwann überall mit Chatbots gelernt?

Martin Koch

Chatbots oder auch ihre großen Brüder, die Assistenten, scheinen vor einer großen Zukunft zu stehen. Es gibt so viele Hinweise darauf, dass sich das Steuerungsparadigma für Applikationen dadurch massiv verändert. In westlichen Haushalten arbeitet eine dreistellige Millionenzahl Alexas, der Google Assistant liegt wohl nicht weit dahinter. Auf nahezu allen Smartphones sind Assistenten vorhanden, ob sie jetzt Siri, Cortana, Google Assistant oder Bixby heißen. Der Veränderungsprozess ist schon im Gange. Und das wird vor dem Lernen nicht haltmachen. Und im Bildungsbereich unterstützt ein Chatbot- oder Assistentenansatz wesentliche Anforderungen an moderne Ansätze.

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Welche denn?

Martin Koch

Im Bildungsbereich ist sehr viel in Bewegung, die Adressaten, die Inhalte, die Methoden, die Situationen, die Form und die Medien verändern sich. Eigenständiges Lernen wird erwartet und zeigt in Modellschulen bessere Resultate als herkömmliche Methoden. Chatbots oder Assistenten ermöglichen es, sich durch eine Text- oder Spracheingabe zu jeder Zeit überall zu informieren, kuratierte Inhalte abzurufen und Wissenslücken zu schließen. Für Anbieter steht eine leicht anpassbare, schnell skalierbare Plattform bereit, die auch noch Feedback zum Lernerfolg geben kann. Lernen und Lernerfolg kann leichter zugänglich, transparenter und effizienter werden – das sind tolle Aussichten. Und: Alles ist digital und damit verändert es viele Gewohnheiten: es steht nicht im Bücherregal, liegt auf keinem Schreibtisch, sondern steckt in der Tasche, ist also immer dabei. Dazu liefert es Links zu nützlichen Inhalten, nimmt keine Wiederholung übel, wird „auf Zuruf“ aktiv und kann dazulernen.

Chatbots unterstützen und fördern digitales Lernen

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Aber „digital“ ist doch kein Selbstzweck.

Martin Koch

Das nicht, aber wenn das Smartphone, das Tablet oder das Notebook einen neuen Ansatz zum Lernen ermöglicht, wird der nicht nur die jüngeren Zielgruppen erreichen, sondern auch zu neuen Gewohnheiten führen. Wie viele Menschen lernen heute schon eine neue Sprache mit Duolingo? Wann immer sie wollen, wo immer sie mögen, in einem Tempo, dass sich an ihrem Lernfortschritt orientiert. Solche Potenziale sollte man heben, oder? Und das heißt ja nicht, dass es morgen keine Sprachkurse mehr an der Volkshochschule oder bei Profis geben wird.

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Nochmal konkret: Warum sollte ein Unternehmen, das über Inhalte verfügt, ein Verlag o.ä., jetzt auf solche Technologien setzen?

Martin Koch

Das Lernen wird nur digitaler. Klar, Chatbots können in zehn Jahren Geschichte sein. Assistenten vielleicht auch. Aber große Unternehmen setzen heute darauf, viele Routineaufgaben an digitale Assistenten abzugeben, weil Menschen für Aufgaben gebraucht werden, die nicht so leicht automatisierbar sind. Und die Vision, ein IT-System quasi alles fragen zu können, verfolgt uns seit bald 50 Jahren. Jetzt wird sie Wirklichkeit. Und fast alle können davon profitieren.

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Chatbotcoaching.de liefert doch auch noch E-Books und Blogartikel …

Martin Koch

Wie gesagt, manche Dinge sind aktuell mit Chatbots oder Assistenten nicht ideal lösbar. Und auch eine digitale Lösung kann einen längeren Text nicht auf drei oder vier sinnvolle Zeilen „eindampfen“. Würde ein Chatbot aber ein längeres PDF oder ein Video-Tutorial alternativ anbieten, glaube ich zu wissen, worauf öfter zugegriffen wird. Ich glaube nicht, dass es künftig nur noch Chatbots und Assistenten gibt, aber dort, wo es sinnvoll und vor allem nützlich ist, bestimmt.

Wie MediaSupervision Sie unterstützt
  • Informationsworkshops zu Chatbots und ihren Möglichkeiten
  • Unterstützung bei der Konzeption von Chatbots
  • Integration des Chatbots in LMS oder CMS
  • Analyse und Training von Chatbots

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